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Gedanken, Ideen, Träume, Erinnerungen einer 41-Jährigen


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Durcheinander

Am vergangenen Dienstag spät abends ist unser Freund gestorben. Friedlich. Viel schneller, als von allen erwartet. In aller Ruhe. Mit vier Frauen an seiner Seite. Das hat ihm bestimmt gefallen…

Seit dem ist alles noch ein wenig chaotischer. Ich bin durcheinander. Es passiert gerade so unglaublich viel. Und nicht nur Trauriges. Also bin ich einen Moment niedergeschlagen, möchte weinen, mich verkrümeln, richtig trauern…

Im nächsten Augenblick bin ich mir meiner Verantwortung für die Kinder bewusst. Wie hat Fabian am Mittwochabend gesagt, als er mit ein bisschen weinen in der Küche überrascht hat? „Wie lange wird das denn dauern, Mama? Dass du so traurig bist?“ T. und ich haben versucht ihm zu erklären, dass das nicht einfach so weg geht, dass es besser wird, immer wieder kommt und vor allem – bei jedem Menschen unterschiedlich ist. Dass es nicht DEN einen, richtigen Weg gibt zu trauern.

„Boah, wie anstrengend!“ war sein Kommentar und ich habe mir vorgenommen, einen Großteil der Trauerarbeit mit mir selber zu „erledigen“ und ihn da rauszuhalten. Vielleicht ist ihm das zu viel, vielleicht ist er aber auch einfach noch nicht so weit.

Trotzdem habe ich ihn gebeten, sich zu überlegen, ob er mit zu Trauerfeier und Beerdigung kommen möchte. Unser Freund war ein sehr spezieller Mensch und genauso speziell wird garantiert auch diese Feier. Nicht nur, dass er im kompletten schottischen Ornat verbrannt wird, weil er zu Lebzeiten immer in Schottland am glücklichsten gewesen ist und eine starke Verbindung dort hin hat, nein, es gibt ein ausdrückliches Verbot „schwarz“ zu tragen, schließlich ist es eine Feier! Allein schon der Gottesdienst wird sehr besonders, weil der Pfarrer, der uns alle durch unsere Jugend und Pubertät begleitet hat, extra aus Regensburg kommt und garantiert für die eine oder andere Überraschung gut ist. Und auch die Feier im Anschluss wird wohl eher eine große Party mit unglaublich vielen Menschen…alles in allem vielleicht ein guter Moment, um F. (so er möchte) einmal zu einer Beerdigung mitzunehmen. Aber selbstverständlich werden wir hier seinen entsprechenden Wunsch respektieren, die Oma wird einspringen und auf alle Fälle B. bis zur Feier nehmen.

Überhaupt war der Mittwoch ein unglaublicher Tag.

Ganz in der Früh also die Nachricht von A.´s Tod, ein kurzes Telefonat mit meiner lieben Freundin S., ein paar erste Tränen.

Um halb zehn hatte ich ein Vorstellungsgespräch. Keins von denen, wo man richtig brennend hingeht, schon im Vorhinein weiß, dass man extrem betrübt sein wird, wenn man den Job nicht bekommt, aber für mich ein guter Anfang. Übung. Training. Real life. Und ich habe mich nicht gedrückt. Bin hingefahren. Habe es gut gemeistert. Ist auch mehr so ein Vorab-Termin gewesen, die Stelle wird eh erst im neuen Jahr aktuell, aber es lief gut, ich hab ziemlich genau gemerkt, wo es noch hakt, wo ich mehr hätte sagen sollen, wo vielleicht weniger. Gut. Zufrieden.

Danach einen richtig großen Milchkaffe gekauft, ins Auto eingestiegen und erst mal eine halbe Stunde lang geheult. Die Sonne hat gescheint und die ganze Willkür ist mir so unglaublich auf den Sack gegangen. So viele Leute, die an meinem geparkten Auto vorbeigehastet sind, grimmig, stoisch, mit sich beschäftigt. Am liebsten hätte ich das Fenster runter gekurbelt und ihnen ins Gesicht geschrien: „Was ist los? Warum schaust du so? Vor ein paar Stunden ist ein junger, wichtiger Mensch gestorben. Das ist unfair. Unfair. Unfair. Und du bist nicht dankbar, dass du leben darfst. Du bist nur grimmig!“

Zum Glück hatte ich noch Zeit, bevor ich den kleinen B. vom Kindergarten abholen musste, bin noch ein bisschen spazieren gegangen und hab mich von Wind und Sonne streicheln lassen.

Am Nachmittag schnell mit F. die Hausaufgaben korrigieren, ihn trösten, dass er in der Mathe-Probe nur eine Drei hat (was gar nicht so einfach ist, wenn alles nur Konzentrations-Fehler sind…) und dann los zum Schwimm-Training. Ich fühle mich kalt von innen, kann gar nicht so viel anziehen, dass ich nicht mehr friere. Trotzdem gehe ich mit B. ein bisschen im Herbstlaub spazieren, genieße das Alleinsein mit ihm, Hand in Hand, nur wir beide. Und dann kriegt er noch eine Portion Schwimmbad-Pommes zum Aufwärmen, seine Backen glühen und seine Welt ist in Ordnung. Schön.

Am Abend ist dann noch das Treffen der Gruppe „Sprache, Schule, Ausbildung, Job“ des Asylhelferkreises bei mir im Ort (deren Gruppenleiterin ich bin). Ich habe viel vorbereitet, mir tage- und nächtelang Gedanken gemacht. Bin trotzdem zerstreut, müde und durcheinander. Fasse dann aber schnell den Entschluss mit offenen Karten zu spielen. Erkläre den immerhin fast zwanzig Anwesenden, dass gerade ein Freund von mir gestorben ist und ich auf ihr Verständnis und ihre Mithilfe hoffe. Und dann läuft es. Sie sind toll. Es wird ein super konstruktives, klares, entspanntes Treffen. Wir finden in allen offenen Fragen schnell einen Konsens, teilen Gruppen und Zeiten ein, es läuft ohne Animositäten und Befindlichkeiten. Ich bin so stolz! Was für eine Gruppe! Am Ende kassiere ich ein dickes Lob für meine Vorbereitung, mein Engagement und meinen Einsatz und ich bin erleichtert, froh, traurig und alles gleichzeitig. Wieder sitze ich im Auto und heule. Scheint ein guter Platz dafür zu sein.

Und so vergeht seitdem kein Tag, an dem nicht etwas Tolles, Aufregendes, Besonderes, Glückliches passiert. Auf der anderen Seite bin ich einfach immer und immer wieder traurig, nachdenklich und auf eine besondere Art verletzt.

Und nach wie vor tief besorgt, was da an den Grenzen, nur ein paar hundert Kilometer von hier, mit den Menschen und natürlich vor allem mit den Kindern geschieht. Politische Willkür hat mich schon immer schrecklich mitgenommen, mich so unglaublich hilflos und ohnmächtig gemacht. Kein gutes Gefühl. Gerade kann ich es ganz gut durch die Arbeit im Dorf kanalisieren, mich darauf konzentrieren, aber es geht trotzdem nicht spurlos an mir vorbei.

Dieses ganze widerliche rechte, propagandistische Zeug, mit dem man Tag für Tag konfrontiert wird, tut da nur sein Übriges… damit bin ich noch nicht durch, ganz bestimmt nicht. Aber ich muss mir eben meine Kräfte einteilen. Mein eigenes Durcheinander sortieren. Tun, was ich eben tun kann. Und wenn dann wieder „Kapazitäten“ frei sind…mal sehen…

Heute lerne ich erst mal die afghanische Familie kennen, die letzte Woche neu in unserer Gemeinde angekommen ist. Vater, Mutter und zwei Kinder. Die Kinder dürfen drei Monate lang nicht in die Schule (so viel zum Thema Behördenwillkür) obwohl rein integrativ das für sie sicher der allerbeste Weg wäre. Das sagt sogar der Schulleiter. Aber einen Hortplatz, den konnte ich ihnen ergattern. Und da werde ich sie mal zum ersten „Beschnuppern“ hinbegleiten. Das wird. Ich bin zäh. Und unnachgiebig wenn es sein muss. Ich glaube, dass merken die hier in der Gemeinde langsam auch.

Das Wetter ist herrlich. Ich werde den kleinen B. abholen und wir werden dort hin spazieren und die Luft genießen. Jeden schönen Moment. Das ist so wertvoll. Keiner weiß genau, wann es womöglich der letzte ist.


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Erster Arbeitstag…

…schon fast wieder rum.
Was für ein Wahnsinn! Da schaffen es so ein halber Arbeitstag und der vorangegangene zweitägige „Ich-muss-wieder-in-die-Arbeit“-Blues, die Erholung von drei Wochen Urlaub quasi zu ruinieren.
Ich weiß, ich wiederhole mich, aber der ganz große Plan ICH BRAUCHE 2015 EINE NEUE ARBEIT UND WERDE NICHT MEHR SELBSTÄNDIG SEIN hat aller oberste Priorität!

Die letzten Tage waren aber nicht nur deshalb sehr durchwachsen.

Die Situation mit unserem Freund A. hat sich – aus meiner Sicht – eigentlich eher verschärft.
Er wird nicht sterben. Zumindest nicht in diesem Moment. Das ist für seine Familie sicherlich eine Erleichterung.
Nur was es für ihn genau bedeutet, das steht noch in den Sternen.

Ich war Donnerstag den ganzen Tag mit meiner Freundin S. unterwegs, Mittagessen für die Schwester einkaufen und kochen, eine Stippvisite bei selbiger (die dann doch mehrere Stunden gedauert hat), damit sie uns auf den aktuellen Stand bringen und sich ein bisschen auskotzen kann.
Mittwoch am Abend hatte er ein schlimmes Tief. Vermutlich ist ihm da der Ernst seiner Lage und was für ihn auf dem Spiel steht wohl klar geworden. Er hatte eine Panikattacke und war nur sehr schwer zu beruhigen.

Donnerstag am Morgen hat die Ärztin in aller Härte und Deutlichkeit mit ihm seine Befunde „besprochen“, d. h. sie hat gesprochen, er hatte zu verstehen. Sie hat ihm wohl erklärt, dass er ab sofort inkontinent sein würde, das seine rechte Körperhälfte gelähmt bleiben wird, er weder schlucken, noch sprechen können wird.
Es gibt die Möglichkeit ihn wieder so weit „herzustellen“, dass er im Rollstuhl sitzen und eben mit den neuen Einschränkungen weiter leben kann. Das Risiko neuer Schlaganfälle hat sich um ein vielfaches vergrößert weil sie beim CT auch noch festgestellt haben, dass er im Vorderkopf einen hühnereigroßen Tumor (vermutlich gutartig aber raumfordernd) hat.
Die Ärztin wolle eine Entscheidung von ihm. Für eine lange, aufwendige und anstrengende Therapie oder für einen Abbruch aller Maßnahmen, heimgehen und vermutlich innerhalb der nächsten drei bis vier Wochen sterben.
Da war er so aufgeregt, dass er sich weder mit Farbkarten (rot = nein, grün = ja), noch mit Kopf schütteln oder nicken, eindeutig äußern konnte oder wollte. Wer kann ihm das aber verdenken? Allein der Gedanke, diese Entscheidung über Leben oder Sterben selbst treffen zu müssen, jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken.

Schließlich wurde mit der Ärztin vereinbart, dass den Tag über abgewartet werden, er in Ruhe Zeit mit seiner Mutter, seinem besten Freund und seiner Schwester verbringen sollte und diese drei, die auch die Bevollmächtigten in seiner Patientenverfügung sind, am Abend, falls er bis dahin nicht zu einer eindeutigen Entscheidung kommen könnte, zusammen die verantwortliche Entscheidung treffen sollten.
Er hatte sein lebensnotwendiges Kortison an diesem Tag verweigert und immer wieder versucht die Nasensonde, mit der er künstlich ernährt wird, zu ziehen – für mich ziemlich eindeutige Hinweise auf seine Entscheidung – rechtlich natürlich völlig irrelevant…

Wir haben mit allen Kindern gemeinsam am Donnerstag Abend gegessen, irgendwie war uns nach Zusammensein, auch wenn wir alle ein wenig unsicher waren, ob es pietätlos wäre, in so einer Situation auch mal zusammen zu lachen oder Witze zu machen und es sehr skurril war und ist, dass das „normale“ Leben einfach weiter geht. Da schenkt uns das Wetter einen herrlichen Vor-Frühlings-Tag, peitscht kurz darauf heftigste Stürme um die Häuser, da singt eine einzelne Amsel am frühen Morgen – und all das, obwohl ganz in der Nähe ein Mensch mit dem Leben ringt…das fühlt sich so unfair an…

Letztlich haben sich seine Vertrauten für eine Therapie entschieden, scheinbar gibt es auch positive Anzeichen, er kann den rechten Arm ganz minimal bewegen, kann sich wohl durch Zeigen auf Buchstaben und Symbole ein wenig artikulieren und wenn alles ganz, ganz gut läuft, kann er vielleicht sogar wieder Schlucken, müsste also nicht künstlich ernährt werden.

Allerdings sind sich alle bewusst, dass das auch nur eine vorübergehende Verbesserung sein kann (die hat sogar irgend einen medizinischen Fachbegriff), die kurzfristig anhält und dann in ein unverbesserliches Tief mündet.
Seine Schwester ist jedenfalls darauf vorbereitet, dass sie ihn in etwa vier Wochen wieder nach Hause holt und seine Pflege von dort aus übernimmt. Ein Mammutjob um den sie keiner von uns wirklich beneidet. Wie sie das mit ihrem Beruf und ihrem Leben vereinbaren kann und will ist uns unklar. Allerdings hat sie sich ja auch bisher ganz in seinen Dienst gestellt.
Trotzdem hat sie auch die Erlaubnis, die Unterstützung und die Möglichkeit, seinen Sterbeprozess zu beschleunigen – zum Glück ist sie beruflich Plegerin auf einer Palliativstation und ist fachlich wirklich eine Eins.

Die Beiden scheinen ein sehr stabiles, umfassendes Netz aus Familie und Freunden zu haben.
Allerdings fragen wir uns, ob das eher sein Netz ist und was wohl passiert, wenn sie Hilfe braucht oder wer für sie da ist, falls er sterben wird…

Ach, es ist einfach ein trauriges Thema, das seit Tagen meine Gedanken beherrscht. Es rüttelt an mir und auch an meinen tief verborgenen Ängsten, die ich bezüglich eines Schlaganfalls habe. Wie nah bin ich da dran? Gehe ich doch zu unverantwortlich mit mir um? Was bedeutet das alles auch für meine Lieben? Und was wäre zu tun? Noch mehr Medikamente, noch mehr Ärzte, mehr Klarheit, mehr Angst?? Ich bin ganz durcheinander…

So, jetzt habe ich gerade noch den letzten Satz zu Ende geschrieben – inzwischen ist schon Dienstag und ich habe es gestern einfach nicht mehr geschafft, den Eintrag auf den Weg zu bringen…aber jetzt!
Dann gibt es heute halt mal zwei Einträge, ist ja auch was Schönes! 😀


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Ruhig…

…und das in mehrfacher Hinsicht.

Die Ferien sind zu Ende. Nur mir sind noch drei weitere Tage geschenkt.
Und so sind heute morgen meine drei Männer aus dem Haus getigert (schwer genug, wieder um halb sieben aufzustehen und zeitlich in die Spur zu kommen, geschweige denn, in irgendeine Form von Rhythmus zu finden)und es ist ruhig.
Sehr ruhig.
Eigentlich kann ich mit Ruhe und Alleinsein ja bestens umgehen, ja, suche sogar nach solchen Ruhe-Oasen nur für mich. Heute ist das anders. Vierzehn Tage waren wir vier jetzt zusammen. Eigentlich ununterbrochen. Mal waren Freunde an unserer Seite, mal die Familie, mal waren wir unterwegs, mal zuhause. Aber immer zusammen.
Klar geht das nicht ohne den ein oder anderen Streit, ohne Diskussionen.
Im Grunde aber ist es von Tag zu Tag besser gelaufen. Mit steigender Entspannung ist potentiell auch unsere Familienzufriedenheit gewachsen. Eigentlich unglaublich. Und traurig.
Ich habe das noch nie so empfunden. Dass ich es schade finde, dass die Ferien vorbei sind. Nicht, weil der Urlaub um ist und die Arbeit wieder anfängt, sondern weil ich traurig bin, dass wir vier nicht mehr so viel Zeit miteinander auf diese entspannte Art und Weise verbringen können.
Klar frage ich mich, ob es nicht doch möglich ist, etwas davon in den Alltag „rüber zu retten“, aber die Stimme in meinem Kopf sieht das ganz pessimistisch. Zu viel Fremdbestimmung, zu viele Pflichten, zu viel Verantwortung, zu viel (Zeit-)Druck.

Und so sind mein Kopf und mein Herz heute voll und schwer. Ich wollte so vieles hier aufschreiben, habe mir im Geist schon ausgemalt, wie mein erster „richtiger“ Blog-Eintrag im neuen Jahr wohl aussehen wird. Wie mein Jahr 2014 noch einmal an mir vorbei zieht.
Und doch fühle ich mich heute nur bleiern. Und traurig.
Gleich heute morgen hat mich die Nachricht erreicht, dass A., ein lieber Bekannter, der seit mehr als zwanzig Jahren in meinem Leben eine mal mehr, mal weniger intensive Rolle spielt, im Sterben liegt.
Er ist schwer krank. Schon viele Jahre. Hat sich, vor allem dank seiner Zwillingsschwester, immer und immer wieder ins Leben gekämpft. Hat neben all den Stärken, die man braucht, um den Kampf gegen eine so schreckliche Krankheit anzunehmen auch ganz menschliche Schwächen, die ihn umso sympathischer machen. Früher ein großes, kräftiges, starkes, durchaus angstein-flösendes und bei den Frauen immer beliebtes Großmaul, ist er in den letzten Jahren ein gebrechliches, zerfallenes, ängstliches Großmaul geworden. Immer Späße, immer Sprüche, immer seine Schwester gängelnd.
Und nun hat ihm die vergangene Nacht wohl noch sein letztes Relikt vergangener Zeiten genommen. Zwei Schlaganfälle, die ihn rechtsseitig gelähmt und ihm seine Sprache geraubt haben. Vermutlich für immer.
Und nachdem das Schlucken, wie es oft nach Schlaganfällen der Fall ist, wohl andauernd nicht mehr klappen wird, wird noch heute Nachmittag eine Entscheidung getroffen und seine Patientenverfügung kommt zum Tragen. Keine künstliche Ernährung. Was das heißt, will ich mir gerade noch gar nicht ausmalen…

Und wie so oft, wenn ich von solchen Fällen höre, bin ich hin- und hergerissen. Was soll man dem Betroffenen wünschen? Einen schnellen, einfachen Tod? Oder die Kraft sich ein weiteres Mal ins Leben zu kämpfen? Womöglich in ein Leben mit weiteren Einschränkungen?
Und den Angehörigen? Was würde auf seine Zwillingsschwester zukommen, wenn er womöglich noch pflegebedürftiger würde? Was macht das mit ihrem Leben? Ihrem Leben, das sie sowieso schon ihm und seiner Krankheit untergeordnet hat? Oder braucht sie ihn? Das Sich-um-ihn-Kümmern? Verliert sie sonst ihren Inhalt? Und was dann?

Ich weiß, dass er oft und viel Angst hat. Dass er jedes Murren und Knurren in seinem Körper zu deuten versucht und leicht in Panik ausbricht. Meiner Meinung nach auch völlig zu recht. Seine direkte Umwelt ist dadurch oft genervt und gestresst.
Vor allem, wenn er dann den Schwerkranken-Joker zieht und zu rechtfertigen versucht, warum er dies und dies nicht tun kann (mag) und ihm unbedingt noch spätabends jemand frisches Cola oder eine Tüte Chips von der Tankstelle holen muss…natürlich mit einem Augenzwinkern…

Ich wünsche ihm heute schon den ganzen Tag über, dass er keine Schmerzen erleiden und vor allem keine Angst haben muss. Dass ihm in dieser Hinsicht seine Bewusstlosigkeit gnädig ist und ihn nicht weiter leiden lässt.
Dass er loslassen kann, wenn er loslassen möchte.
Dass seine Schwester den Mut aufbringt, womöglich auch gegen den Willen der Mutter, seinen Willen durchzusetzen und ihn – so schmerzvoll das auch sein mag – gehen zu lassen.

Mein lieber A., ich denke sehr an Dich und wünsche Dir, dass Deine Wünsche in Erfüllung gehen…Keep on going…