meinewelt

Gedanken, Ideen, Träume, Erinnerungen einer 41-Jährigen


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Mein überbordendes Herz

Diesen Titel habe ich heute schon den ganzen Vormittag in meinem Kopf.

Dazu musste ich mir aber erstmal über die genaue Bedeutung des Wortes „überbordend“ klar werden.

Interessant, weil der Duden dazu

„1. über die Ufer treten und

  2. über das normale (und erträgliche) Maß hinausgehen“

als Erklärung liefert.

Und nachdem mein Herz gerade nicht über die Ufer tritt – auch wenn ich die bildliche Vorstellung einigermaßen entzückend finde – trifft es das mit dem über das normale (und vielleicht auch erträglich) Maß hinausgehend ziemlich genau.

Und eigentlich ist das etwas unglaublich Schönes. Wenn da nicht schon wieder dieses merkwürdige EIGENTLICH in der Lücke sitzen würde.

Echt jetzt. Ich bin gerade auf eine merkwürdig kribbelige Art und Weise wohlig zufrieden.

Es sind ein paar Entscheidungen, nein, ein paar SEHR WICHTIGE Entscheidungen getroffen worden. Von uns. Meint von T. und mir. Und von mir für mich alleine. Die unsere Zukunft betreffen. Die nähere. Also um genau zu sein sogar die aller nächste.

Dass ich mit meiner beruflichen Situation unzufrieden bin, ist ja hinlänglich bekannt. Nicht zuletzt wegen des doofen Selbständigseins. Ist halt nix für mich. Und ich jammere und lamentiere ja schon wirklich lange. Was ich jetzt auch nicht mehr wirklich gut verbergen kann, da mein schlechtes Gewissen, mein Antrieb, ein Teil meiner (Blog-)Seele, endlich auch von blog.de hier her gekommen ist und mir ab sofort (hoffentlich) wieder auf die Füße steigt!

Jedenfalls müsste ich, um das, was ich wirklich aus vollem Herzen machen möchte, tun zu können, mal eben ein Sozialpädagogikstudium „absolvieren“. Und nachdem ich a) nicht mehr die Jüngste und b) nicht die Geduldigste bin – muss es jetzt halt ohne gehen.

Ich will hauptberuflich in der Flüchtlingsarbeit tätig sein. So. Also müssen mir eine freche Bewerbung, sämtliche ehrenamtliche Erfahrungen und eine Weiterbildung im kommenden Jahr (die zeitlich überschaubar ist – sind nur sieben Wochenenden) helfen, in den gewünschten Bereich „reinzurutschen“. Punkt. Ist nicht grad üppig, ich weiß, aber Sozialpädagogen wachsen ja im Augenblick auch nicht gerade auf Bäumen…

Was aber sofort eine nächste Entscheidung nach sich gezogen hat.

Die Nordsee…

Verdammte Hacke!

Wie kann das sein, dass ich als gebürtige Bayerin, die ich seit fast acht Jahren in diesem elenden oberbayrischen Dorf wohne und seit mehreren Jahren den intensiven Wunsch hege und pflege, mit Kind und Kegel an die Nordsee zu ziehen, dort noch einmal ganz von vorne anzufangen – mich plötzlich wohlfühle, einlebe, soziale Kontakte (über das normale Maß hinaus) aufbaue und pflege, mich in die Dorfgemeinschaft einbringen MÖCHTE? Was ist denn da passiert?

Ich kann es nicht genau erklären, klar, bisher habe ich mich vielleicht tatsächlich auch irgendwie dagegen gewehrt. Wollte nicht mehr „Anschluss“, in keinem Verein sein, keiner Gemeinschaft angehören, mich nicht irgendwo einbringen oder engagieren.

Und das ist jetzt halt einfach so „passiert“. Und ja, da sind wirklich Nette dabei. Und natürlich auch solche, die meine schlimmsten Vorurteile bestätigen. Aber jetzt gerade in diesem Moment fühle ich mich zum ersten Mal wohl. Und angenommen. Ich kann was bewegen. Ich werde gehört. Und ernst genommen. Ich bin Teil einer großen und guten Gemeinschaft. Das ist ziemlich cool.

Und was macht mein lieber T.? Mich auslachen? Sich über mich lustig machen? Unseren gemeinsamen Lebenswunsch vehement einfordern?

Mitnichten. Im Gegenteil. Nachdem wir endlich die Dinge ausgesprochen, beim Namen genannt hatten, hat er mir seine Unterstützung und sein Vertrauen zugesichert. Wir wollen, wir müssen aus diesem Haus ausziehen. Unbedingt. Schon allein wegen des bösen Nachbar-Karmas. Das ist klar. Gleichzeitig muss die Oma aus ihrer Wohnung raus. Wegen des bösen Katzen-Karmas. Aha.

T. und ich wissen: wir brauchen ein Haus. Damit wir Platz haben. Und einen Garten. Und keine direkten Nachbarn. Also über oder unter uns.

Hier also Plan A für die aller nächste  Zukunft der Familie E.:

  1. Wir suchen uns ein Haus mit zwei Wohnungen und einem Garten hier bei uns in der Gemeinde – für die Oma und uns – zur Miete
  2. Ich suche mir den Traumjob (die erste Bewerbung läuft schon – Daumen drücken!)
  3. Nachdem ich dann etwas mehr arbeiten werde und die Oma im Frühjahr in Rente geht (was nicht heißt, dass sie komplett aufhören wird zu arbeiten), kann und will sie einen Teil der Kinderbetreuung übernehmen – klingt nach Entlastung (Praxistest steht natürlich aus…)
  4. T. kann sich in seiner Arbeit (die er wirklich gerne mag, wie er mir versichert hat) eine echte Zukunftsperspektive aufbauen und seine Energie neu aufbauen – eventuell ebenfalls durch Entlastung durch Oma
  5. Frau glücklich und zufrieden weil sie endlich tut, was sie schon immer wollte
  6. Oma glücklich und zufrieden, weil sie nicht mehr so alleine und mehr in die Familie eingebunden ist
  7. Mann glücklich und zufrieden, weil Frau glücklich und etwas vom familiären Druck weg ist
  8. Kinder glücklich und zufrieden, weil Mama und Papa glücklich und Oma in der Nähe

Ja, ich geb ja zu, das ist definitiv die rosanste aller Versionen! Ganz so einfach isses nicht. Das weiß ich auch. Und die ganzen Unbekannten in dem Spiel sind auch nicht zu unterschätzen. Klar.

Und die Nordsee einfach so abzuschreiben – das geht natürlich auch nicht einfach so.

Also weiter, Schritt für Schritt. Immer mit der Ruhe.

T. und ich fahren jetzt erstmal nach Berlin. Das ham wa uns verdient. Nur er und ich. Von Freitag bis Sonntag. Wir sind eingeladen zu einer Geburtstagsfeier. Grund genug, ein ordentliches „Pärchen-Wochenende“ draus zu machen. Und die Oma kann gleich mal überprüfen, ob den Dreien das taugt, so drei Tage zusammen zu verbringen! Guter Plan! Ick freu mir!

Und jetzt lass ich mein Herz noch ein bisschen überborden. Fühlt sich irgendwie schön an…

 


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Und das Leben ist endlich!

Was für ein bewegender Freitag!

Den ganzen Vormittag war ich aufgeregt, angespannt und durcheinander.

Eigentlich hat sich das erst gelegt, als wir um halb zwei – alles Organisatorische hinter uns lassend – angekommen sind. T. , F. und ich. Und sie alle da waren. Leute aus längst vergessenen Tagen, die zu längst vergessen geglaubten Erinnerungen gehören. Die Sonne und die frühlingshaften Temperaturen haben diesem merkwürdigen Tag sein Übriges gegeben. Eigentlich erwartet man an so einem Tag Regen. Wolkenbruchartigen Regen. Sintflutartigen Regen. Eiseskälte. Jedenfalls ein, der Trauer angemessenes Wetter.

Stattdessen war es warm, die Leute, A.´s Wunsch entsprechend (zumindest die allermeisten) nicht schwarz gekleidet, auf dem Kirchenvorplatz in kleinen Grüppchen zusammenstehend, hin- und hergerissen zwischen Wiedersehensfreude und der Absurdität des Anlasses.

So viele Menschen! Fahnenabordnungen von Feuerwehren (A. war jahrelang Feuerwehrkommandant der örtlichen Feuerwehr) nicht nur aus dem Landkreis, sondern bis hin nach Südtirol. Die Bürgermeisterin. Der Landrat. Unglaublich.

Die Kirche schnell voll, T., F. und ich in der dritten Reihe, direkt bei unseren Freunden. A.´s Schwester und Mutter im direkten Blick. Zwei starke Frauen.

Der Gottesdienst, gehalten vom Jugendpfarrer aus eben diesen alten Zeiten, der extra zu diesem Anlass aus Regensburg angereist ist, liebevoll, persönlich und rührend. Zu Tränen rührend. Da gab es dann doch mehrere Stellen, an denen es mich sehr geschüttelt hat.

Ganz zum Schluss haben sie dann von Schandmaul „Euch zum Geleit“ gespielt, das war für viele richtig schwer, noch dazu wo A. so ein großer Schottland-Fan war und der Text wie von ihm und für ihn geschrieben zu sein scheint….

Der anschließende Zug zum Friedhof wurde von einem Dudelsackspieler angeführt und war unglaublich lang.

In die Aussegnungshalle sind wir gar nicht mit reingegangen, aber das ging sowieso ganz schnell, am Grab sind dann wieder alle zusammen gekommen.

Als die Familie und die ganzen „Offiziellen“ am Grab gewesen waren, dann plötzlich eine Schrecksekunde, plötzlich erklang Hardrock über den Friedhof. Und dann mussten die ersten auch schon lachen. Na klar, das hatte er sich so gewünscht. Schließlich sollte das eine Party werden!

Zurück am Gemeindehaus waren es vielleicht noch hundert Leute, es gab ein bisschen was zu essen, ein paar letzte Tränen, viele Gespräche und unglaublich viele Umarmungen. Warme Worte. Warme Gefühle. Es war ein bisschen wie Nachhause kommen. Oder nein, doch eher, wie ein zwanzigjähriger Dornröschenschlaf. Aufgewacht, das Leben ist irgendwie weiter gegangen, alle sind älter geworden, es sind unheimlich viele Kinder da, viele sind verheiratet oder schon nicht mehr, und trotzdem ist es, als wäre man nie weg gewesen.

A.´s Schwester hat sich tapfer geschlagen, ich glaube, sie war wirklich glücklich. Es war genau so, wie ihr Bruder es sich vorgestellt hat. Wie er selbst gefeiert hätte. Sie hat sich so bemüht, so gekämpft, so viel dafür getan – und alles ist aufgegangen. Alle waren da. Es wurde immer und immer wieder auf ihn getrunken. An ihn gedacht. An ihn erinnert. Über ihn gesprochen. Im Guten und Lustigen. Den totkranken, sterbenden A., den hat es an diesem Abend nicht mehr gegeben. Da war nur noch unser Freund unter uns, der aus den alten Zeiten, aus denen wir uns alle kennen. Mitten unter uns. Einfach so.

Um halb acht sind wir gefahren. Ich war fix und fertig.

Wir haben im Familienbett noch ein bisschen zusammen gefernseht. Die Kinder sind eingeschlafen. Und dann sind nochmal meine Tränen gekommen. Haben mich völlig überfahren. Waren plötzlich da und wollten gar nicht mehr aufhören. Und so ist T. einfach bei mir gelegen, hat mich gehalten und mich weinen lassen. Endlich. Mir war gar nicht so bewusst, dass ich in den letzten Wochen nicht mal richtig Zeit hatte zum Trauern. Und da war sie, meine Trauer. Und es war okay. Und dann habe ich geschlafen.

Bin seit zwei Tagen noch ein bisschen wattig, immer noch müde, aber es ist gut.

„An rud a líonas an tsúil líonann sé an croí“ – Was das Auge mit Tränen füllt, füllt das Herz mit Freude

Gute Reise mein Freund!


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Me, myself and I…

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Ein paar Augenblicke für mich ganz allein…
Durchatmen, Innehalten, Nachspüren, in mich Reinhorchen…
bevor es gleich wieder weiter geht – Sonne, Mond und Sterne,  brenne auf mein Licht, brenne auf mein Licht…

Eine besonders schöne Geschichte. Da teilt einer, der offensichtlich mehr hat, als ein anderer, seinen Mantel mit dem Frierenden – heute wie gestern eine Geschichte, die Kinder begeistert und Erwachsene rührt. Nächstenliebe kommt nicht aus der Mode und ist heute aktueller denn je.

Und so genieße ich die letzten ruhigen Momente, denke an die, denen es in dieser dunklen, kalten Nacht nicht so gut gehen wird wie mir und freue mich auf die warme Geborgenheit meiner Familie.


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Geh weiter, Zeit, bleib steh…

pocket-watch-731301_1920Gerade habe ich mich an diese Zeile aus dem Gedicht von Helmut Zöpfl erinnert, das mich ganz intensiv an meine Kindheit erinnert. Es ist ein bayerisches Gedicht und war auf Pappe gedruckt und mit weiß-blauen Rauten verziert bei uns zuhause im Flur über dem Sicherungskasten gehangen.

Warum muss ich gerade in diesem Moment daran denken?

„Geh weiter, Zeit, bleib steh, wart bloß a bisserl,´s war grad so schee“

Dabei ist wirklich gerade nicht alles FriedeFreudeEierkuchen. Es ist nach wie vor viel los. Eigentlich zu viel. Zu viel um auf Stand zu kommen und zu bleiben. Um allem und allen gerecht zu werden. Einschließlich mir selbst. Und meiner Ehe. Und meiner Freunde. Und allen voran meiner Kinder.

Und gerade dann, wenn ich mir Entschleunigung verschreiben, den Fuß vom Gas nehmen will – kommt wieder etwas dazwischen. Ein Termin, eine wichtige Verabredung, was auch immer.

Obwohl natürlich auch unheimlich viele Sachen dabei sind, die wirklich Spaß machen. Die mich weiter bringen. Mich herausfordern. Mich glücklich machen. Und dafür nehme ich auch ein bisschen mehr Stress und Trubel in Kauf.
Nur in Ruhe schlafen, das würde ich wirklich mal wieder gerne. Ich habe so ein Tohuwabohu in meinem Kopf, da reicht die kleinste Störung des Nächstens – und ich kann einfach nicht mehr einschlafen. Ich habe es schon mit dem alten Trick versucht, kurz die wichtigsten Dinge aufzuschreiben, damit dann Ruhe einkehren kann. Klappt nicht. Ein Gedanke zieht den nächsten nach sich, da werde ich mit Schreiben nicht mehr fertig. Und bin erst recht wach.

Was steht an?

Heute müssen wir uns wieder mal aufteilen, T. wird mit dem kleinen B. und der Oma zum St.-Martins-Umzug vom Kindergarten gehen, während ich F. zum Schwimmtraining bringe und hoffe, dass ich hinterher wenigstens noch ein bisschen vom Martinsfeuer mitbekommen werde.

Morgen ist eigentlich mein langer Arbeitstag, allerdings will die Schwester unseres Freundes, dessen Beerdigung am Freitag sein wird, morgen Nachmittag Heide-Sträußchen binden, die zum Grab mitgenommen werden sollen. Mal sehen, wie ich das zeitlich geregelt kriege, um 18 Uhr habe ich mit meinen pakistanischen Männern wieder Deutsch-Kurs, d. h. ab 19 Uhr ist dann wirklich und wahrhaftig Feierabend!

Am Freitag ist dann ab 14 Uhr die Trauerfeier mit Beerdigung und anschließendem Beisammensein, ich vermute, das wird sich bis in den Abend hineinziehen. Ich bin sehr gespannt und so merkwürdig das auch klingen mag, in all der Trauer wird das ganz bestimmt auch ein aufregender und besonderer Nachmittag. So viele Leute! Und so viele, die ich viele Jahre nicht gesehen habe! Darauf freue ich mich wirklich sehr! Alte Freunde und Bekannte, verteilt über die ganze Republik werden zusammen kommen und Abschied und Wiedersehen feiern. Skurril. Und schön.

Und dann entschleunige ich. Echt. Am Wochenende wollen wir putzen (dringend nötig!). Und einen Ausflug nach Rosenheim machen. Und sonst NIX. Und nächste Woche habe ich echt noch (fast) gar keine Termine. Und dann werde ich auch mal wieder meinen Blog pflegen. Und bei Euch lesen. Und kommentieren. Das ist zumindest der Plan.

Und bis dahin gilt weiter das Mantra: einen Schritt nach dem nächsten… heute noch nicht an morgen denken… wird schon…


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Durcheinander

Am vergangenen Dienstag spät abends ist unser Freund gestorben. Friedlich. Viel schneller, als von allen erwartet. In aller Ruhe. Mit vier Frauen an seiner Seite. Das hat ihm bestimmt gefallen…

Seit dem ist alles noch ein wenig chaotischer. Ich bin durcheinander. Es passiert gerade so unglaublich viel. Und nicht nur Trauriges. Also bin ich einen Moment niedergeschlagen, möchte weinen, mich verkrümeln, richtig trauern…

Im nächsten Augenblick bin ich mir meiner Verantwortung für die Kinder bewusst. Wie hat Fabian am Mittwochabend gesagt, als er mit ein bisschen weinen in der Küche überrascht hat? „Wie lange wird das denn dauern, Mama? Dass du so traurig bist?“ T. und ich haben versucht ihm zu erklären, dass das nicht einfach so weg geht, dass es besser wird, immer wieder kommt und vor allem – bei jedem Menschen unterschiedlich ist. Dass es nicht DEN einen, richtigen Weg gibt zu trauern.

„Boah, wie anstrengend!“ war sein Kommentar und ich habe mir vorgenommen, einen Großteil der Trauerarbeit mit mir selber zu „erledigen“ und ihn da rauszuhalten. Vielleicht ist ihm das zu viel, vielleicht ist er aber auch einfach noch nicht so weit.

Trotzdem habe ich ihn gebeten, sich zu überlegen, ob er mit zu Trauerfeier und Beerdigung kommen möchte. Unser Freund war ein sehr spezieller Mensch und genauso speziell wird garantiert auch diese Feier. Nicht nur, dass er im kompletten schottischen Ornat verbrannt wird, weil er zu Lebzeiten immer in Schottland am glücklichsten gewesen ist und eine starke Verbindung dort hin hat, nein, es gibt ein ausdrückliches Verbot „schwarz“ zu tragen, schließlich ist es eine Feier! Allein schon der Gottesdienst wird sehr besonders, weil der Pfarrer, der uns alle durch unsere Jugend und Pubertät begleitet hat, extra aus Regensburg kommt und garantiert für die eine oder andere Überraschung gut ist. Und auch die Feier im Anschluss wird wohl eher eine große Party mit unglaublich vielen Menschen…alles in allem vielleicht ein guter Moment, um F. (so er möchte) einmal zu einer Beerdigung mitzunehmen. Aber selbstverständlich werden wir hier seinen entsprechenden Wunsch respektieren, die Oma wird einspringen und auf alle Fälle B. bis zur Feier nehmen.

Überhaupt war der Mittwoch ein unglaublicher Tag.

Ganz in der Früh also die Nachricht von A.´s Tod, ein kurzes Telefonat mit meiner lieben Freundin S., ein paar erste Tränen.

Um halb zehn hatte ich ein Vorstellungsgespräch. Keins von denen, wo man richtig brennend hingeht, schon im Vorhinein weiß, dass man extrem betrübt sein wird, wenn man den Job nicht bekommt, aber für mich ein guter Anfang. Übung. Training. Real life. Und ich habe mich nicht gedrückt. Bin hingefahren. Habe es gut gemeistert. Ist auch mehr so ein Vorab-Termin gewesen, die Stelle wird eh erst im neuen Jahr aktuell, aber es lief gut, ich hab ziemlich genau gemerkt, wo es noch hakt, wo ich mehr hätte sagen sollen, wo vielleicht weniger. Gut. Zufrieden.

Danach einen richtig großen Milchkaffe gekauft, ins Auto eingestiegen und erst mal eine halbe Stunde lang geheult. Die Sonne hat gescheint und die ganze Willkür ist mir so unglaublich auf den Sack gegangen. So viele Leute, die an meinem geparkten Auto vorbeigehastet sind, grimmig, stoisch, mit sich beschäftigt. Am liebsten hätte ich das Fenster runter gekurbelt und ihnen ins Gesicht geschrien: „Was ist los? Warum schaust du so? Vor ein paar Stunden ist ein junger, wichtiger Mensch gestorben. Das ist unfair. Unfair. Unfair. Und du bist nicht dankbar, dass du leben darfst. Du bist nur grimmig!“

Zum Glück hatte ich noch Zeit, bevor ich den kleinen B. vom Kindergarten abholen musste, bin noch ein bisschen spazieren gegangen und hab mich von Wind und Sonne streicheln lassen.

Am Nachmittag schnell mit F. die Hausaufgaben korrigieren, ihn trösten, dass er in der Mathe-Probe nur eine Drei hat (was gar nicht so einfach ist, wenn alles nur Konzentrations-Fehler sind…) und dann los zum Schwimm-Training. Ich fühle mich kalt von innen, kann gar nicht so viel anziehen, dass ich nicht mehr friere. Trotzdem gehe ich mit B. ein bisschen im Herbstlaub spazieren, genieße das Alleinsein mit ihm, Hand in Hand, nur wir beide. Und dann kriegt er noch eine Portion Schwimmbad-Pommes zum Aufwärmen, seine Backen glühen und seine Welt ist in Ordnung. Schön.

Am Abend ist dann noch das Treffen der Gruppe „Sprache, Schule, Ausbildung, Job“ des Asylhelferkreises bei mir im Ort (deren Gruppenleiterin ich bin). Ich habe viel vorbereitet, mir tage- und nächtelang Gedanken gemacht. Bin trotzdem zerstreut, müde und durcheinander. Fasse dann aber schnell den Entschluss mit offenen Karten zu spielen. Erkläre den immerhin fast zwanzig Anwesenden, dass gerade ein Freund von mir gestorben ist und ich auf ihr Verständnis und ihre Mithilfe hoffe. Und dann läuft es. Sie sind toll. Es wird ein super konstruktives, klares, entspanntes Treffen. Wir finden in allen offenen Fragen schnell einen Konsens, teilen Gruppen und Zeiten ein, es läuft ohne Animositäten und Befindlichkeiten. Ich bin so stolz! Was für eine Gruppe! Am Ende kassiere ich ein dickes Lob für meine Vorbereitung, mein Engagement und meinen Einsatz und ich bin erleichtert, froh, traurig und alles gleichzeitig. Wieder sitze ich im Auto und heule. Scheint ein guter Platz dafür zu sein.

Und so vergeht seitdem kein Tag, an dem nicht etwas Tolles, Aufregendes, Besonderes, Glückliches passiert. Auf der anderen Seite bin ich einfach immer und immer wieder traurig, nachdenklich und auf eine besondere Art verletzt.

Und nach wie vor tief besorgt, was da an den Grenzen, nur ein paar hundert Kilometer von hier, mit den Menschen und natürlich vor allem mit den Kindern geschieht. Politische Willkür hat mich schon immer schrecklich mitgenommen, mich so unglaublich hilflos und ohnmächtig gemacht. Kein gutes Gefühl. Gerade kann ich es ganz gut durch die Arbeit im Dorf kanalisieren, mich darauf konzentrieren, aber es geht trotzdem nicht spurlos an mir vorbei.

Dieses ganze widerliche rechte, propagandistische Zeug, mit dem man Tag für Tag konfrontiert wird, tut da nur sein Übriges… damit bin ich noch nicht durch, ganz bestimmt nicht. Aber ich muss mir eben meine Kräfte einteilen. Mein eigenes Durcheinander sortieren. Tun, was ich eben tun kann. Und wenn dann wieder „Kapazitäten“ frei sind…mal sehen…

Heute lerne ich erst mal die afghanische Familie kennen, die letzte Woche neu in unserer Gemeinde angekommen ist. Vater, Mutter und zwei Kinder. Die Kinder dürfen drei Monate lang nicht in die Schule (so viel zum Thema Behördenwillkür) obwohl rein integrativ das für sie sicher der allerbeste Weg wäre. Das sagt sogar der Schulleiter. Aber einen Hortplatz, den konnte ich ihnen ergattern. Und da werde ich sie mal zum ersten „Beschnuppern“ hinbegleiten. Das wird. Ich bin zäh. Und unnachgiebig wenn es sein muss. Ich glaube, dass merken die hier in der Gemeinde langsam auch.

Das Wetter ist herrlich. Ich werde den kleinen B. abholen und wir werden dort hin spazieren und die Luft genießen. Jeden schönen Moment. Das ist so wertvoll. Keiner weiß genau, wann es womöglich der letzte ist.


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Eine komische Zeit

Im Augenblick liegen Freud und Leid wieder mal eng bei einander.

Eine aufregende und anstrengende Woche liegt hinter mir, es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine „bewegende“ Zeit.  Ich bin müde und erschöpft aber gleichzeitig auch aufgeregt, motiviert und neugierig, was noch so alles passieren wird.

Das Wochenende sollte definitiv ein ruhiges, entspanntes werden.

Ich habe mir für Samstag einen Friseurtermin ausgemacht, wir wollten daheim noch ein bisschen rumwurschteln, F. die Möglichkeit geben, in Ruhe sein Schulzeug zu machen um uns dann Sonntag am Nachmittag mit Freunden zum Spazierengehen und Kaffeetrinken zu treffen. Vorher wollte ich mit F. noch zum Begrüßungsfest für unsere neuen pakistanischen Mitbewohner, da waren alle Nachbarn und eben auch die Sprecher der einzelnen Helferkreise eingeladen. Und F., voller Neugier und Interesse, ist halt einfach mitgekommen.

Allerdings kommt dann manches doch irgendwie ganz anders und plötzlich scheint die Zeit stehen zu bleiben. Sonntag Früh die Nachricht: mein alter Freund A., der seit fast dreizehn Jahren zuerst gegen Leukämie und seit dem durchgängig gegen alle möglichen anderen lebensbedrohlichen Krankheiten kämpft, hat sich nun endgültig entschieden, zu sterben.

Im Januar, nach seinem x-ten Schlaganfall und einem herben Verlust seiner Lebensqualität schien es schon einmal so weit zu sein, doch damals hat er sich erneut für das Leben und für den Kampf entschieden. Obwohl er damit nicht mehr richtig sprechen, gar nicht mehr laufen, seine rechte Seite gar nicht mehr und seine linke nur noch sehr eingeschränkt bewegen konnte. Manchmal haben wir uns gefragt, wie man so sehr am Leben hängen kann, was das Leben wohl so lebenswert macht.

Jetzt aber, nach einem erneuten Schlaganfall am 18. Oktober, hat er seine Entscheidung getroffen. Er isst nicht mehr. Kein Krankenhaus mehr. Keine Ärzte mehr – außer dem Hausarzt, der ihn mit Schmerzmitteln und einem Medikament gegen die Angst versorgt. Seine Zwillingsschwester hat eine Rundmail an alle Freunde und Bekannte geschrieben, dass es nichts mehr zu klären, nichts mehr zu reden, nichts mehr zu diskutieren gäbe.

Man könne einfach vorbeikommen und sich verabschieden. Wann immer man möchte, mit Rücksicht auf ihn natürlich, auf seine Kraft.

Ich bin gestern Nachmittag mit zwei Freundinnen vorbeigefahren. Ein mulmiges Gefühl. Seine Schwester unfassbar stark. Sie, als die Person, die ihn so viele Jahre begleitet, aufopferungsvoll gepflegt, für ihn ihr eigenes Leben immer und immer wieder zurückgestellt hat. Fast ein bisschen zu aufgedreht. Aber hej, wer macht hier die Vorgaben? Hier gibt es kein richtig und kein falsch. Die Wohnung voller Menschen. Menschen, die einfach nur in der Küche sitzen und gemeinsam Kaffee trinken, reden, lachen. Menschen, die auf dem Balkon zusammen stehen, rauchen, manche weinen, andere trösten. Ein paar Kinder dazwischen. Bei A. im abgedunkelten, warmen, heimeligen Zimmer ist immer jemand bei ihm. Es ist ruhig. Man hört sein schweres, mühsames Atmen. Mit dem großen, starken Mann von einst hat er nicht mehr viel gemein. Er liegt unter einer dünnen Obelix-Bettwäsche, die er besonders liebt. Als wir reinkommen, ist gerade seine Pflegerin bei ihm, sie begrüßt uns kurz und verlässt  das Zimmer. Er erkennt uns, grinst ganz leicht, wir setzen uns zu ihm, halten seine Hand, streicheln ihn, sagen freche Sachen, so von wegen: „Man kommt ja kaum zu dir rein, weil alles voller Frauen ist!“ Das gefällt ihm, er nickt leicht. Ein Frauentyp war er schon immer.

Er schließt die Augen, es strengt ihn an, wir bleiben schweigend sitzen. Er schnauft so schwer. Wir wissen, dass er an einer Atemlähmung sterben wird. Und das vermutlich nicht heute. Und nicht morgen. Niemand weiß, wie lange sein geschundener Körper noch durchhalten wird. Aber wir wissen, dass er keine Schmerzen hat. Und keine Angst. Das ist gut. Wir reden ein bisschen miteinander, aber alles scheint so banal, so unendlich belanglos und trivial. Hier endet ein Leben. Und es ist so beschissen ungerecht. Er ist doch noch so jung. Und er hatte keine Kinder. Und so viele Schmerzen. Er durfte so viel nicht erleben, es ist ihm so viel verwehrt geblieben. Was soll der Scheiß?

Und trotzdem ist es richtig und für ihn sicher auch eine Art „Erlösung“. Kann man in so einem Fall von Erlösung sprechen? Und was kommt nach dem Tod?

Nach einer halben Stunde geht meine Freundin kurz raus. Ich bin mit ihm alleine. Ich flüstere ihm Belanglosigkeiten ins Ohr. Sage ihm, dass wir auf seine Schwester aufpassen werden. Dass alles ok ist. Und plötzlich hört er auf zu atmen. Mein Herz bleibt stehen und ich überlege fieberhaft, was ich jetzt machen soll. Schreien? An ihm rütteln? Ihn in Ruhe lassen?

Ich streichle seine Schulter und flüstere: „Mach jetzt keinen Scheiß! Das kommt überhaupt nicht in Frage, hörst Du! Komm schon, schnauf weiter!“ – und da holt er auch schon wieder Luft, schlägt die Augen auf…und ich bin erleichtert.

Seine Schwester lacht später, als ich ihr dieses Erlebnis erzähle und meint nur, dass ihr das auch schon ein paar Mal passiert sei…na, vielen Dank!

Später dann verabschieden wir uns. Was sagt man zu jemandem, den man nie wieder sehen wird? Darüber habe ich den ganzen Sonntag über schon nachgedacht? Auf Wiedersehen? Nein. Ich habe gesagt: Machs gut, mein Lieber. Ich bin sehr froh, dass ich Dich kennen darf. Es ist wirklich so in Ordnung.

Gar nichts ist in Ordnung. Wir kriegen von seiner Schwester noch die Order auf überhaupt gar keinen Fall in Schwarz zur Beerdigung zu kommen. Im Gegenteil. So bunt wie möglich.

Und dann stehen wir wieder zu dritt vor der Tür. Es ist so traurig. Und war trotzdem so warm und so richtig.

Ich bin froh, als ich zehn Minuten später in T.´s Arm sein und einen Moment lang so richtig weinen kann.

Und als nächstes meine beiden Kinder drücken. Eine Familie zu haben ist ein großes Glück. Und gesund zu sein ein noch viel größeres. Und ein bisschen Dankbarkeit und Demut tut uns allen immer wieder mal ganz gut.

He, Dicker – alles Gute für Deine nächste Reise. Es kann nur besser werden für Dich. Daran glaube ich fest. Mach´s gut!

Die Party für Dich ist ganz bestimmt schon vorbereitet! Da gibt´s ein paar Leute, die schon ganz sehnsüchtig auf Dich warten!

Und wir hier kriegen das alles schon gewuppt! Auch Deine Schwester, ganz bestimmt! Es sind wirklich viele Leute da, die sich um sie kümmern und sorgen werden, mach Dir keinen Kopf.

Good to know you and good bye my special friend!


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Viel gruseliger geht es kaum…

Noch dunkler, noch kühler, noch feuchter, noch unwirtlicher, noch montäglicher…brrrr…heute war es wirklich ganz besonders schwer!

Gut, dass mein Tag heute mit Terminen vollgeballert ist, da habe ich nicht so viel Zeit zum Jammern und Nachdraußenschauen…

Das Wochenende war schön und ganz nach meinem Geschmack, es hätte lediglich ein paar Stunden mehr freie Zeit haben können. Zeit zum Schmökern in der dicken „Süddeutschen“ vom Wochenende, oder zum Bloggen, oder um mal wieder richtig ausgiebig mit T. zu reden. Ich merke oft gar nicht richtig, dass wir tage- manchmal sogar wochenlang vor lauter Stress und Alltagshektik aneinander vorbeirennen, bis mir plötzlich auffällt, dass ich eigentlich nur am Rummeckern an T. bin, dessen Ursprung – so paradox das auch klingen mag – in einer sich langsam einschleichenden Distanz zwischen T. und mir liegt.

Was für ein merkwürdiger Satz. Also eigentlich will ich damit sagen, dass mir die Nähe zu T. fehlt, ich das aber nicht gleich so merke (vor lauter Stress) und dann motzig werde mit ihm. Was natürlich nicht gerade ideal ist. Zugegeben.

Aber wir haben es gemerkt und es ist uns , wenngleich auch erst richtig gestern Nachmittag, gelungen, einzulenken, aufeinander zuzugehen und die Distanz zwischen uns wieder deutlich zu verringern… 😉

Ach ja, das Elterngespräch mit der Relilehrerin von F. Das wollte ich ja noch erzählen.

T. und ich – ziemlich geladen, voller Ideen, was wir der Dame alles sagen wollten – stehen also Freitag vor dem Lehrerzimmer, da kommt sie auf uns zu, freundlich und offen…und nimmt uns einfach den Wind aus den Segeln.

Frechheit! Sagt, dass F. eine tragende Säule in ihrer Religions-Klasse ist, dass seine Ideen und Beiträge toll und durchdacht sind, dass er sich viele Gedanken macht, auf andere achtet und ein wichtiger Bestandteil der Gemeinschaft ist. Dass er im Mündlichen sowieso auf eins steht und sich deshalb wegen der schriftlichen Probe auch überhaupt keine Gedanken machen müsste.

Auf seine Sorgen angesprochen war sie ehrlich berührt und meinte, dass das gar nicht sein dürfe und es ihr wirklich leid täte und er da wohl manches auch auf sich beziehe (wenn sie z. B. ein anderes Kind schimpft) und sie schon wisse, dass sie eine eher laute und impulsive Lehrerin sei und er sich das vielleicht zu sehr zu Herzen nähme.

Ziemlich reflektiert jedenfalls. Auf alle Fälle gut, dass sie jetzt Bescheid weiß, der Plan ist jetzt, dass F. ihr nach der Stunde ein ganz kurzes Feedback geben soll, wie er den Unterricht so gefunden hat, ob es für ihn okay war, damit sie gleich entsprechend reagieren und mit ihm reden kann. Und sie hat ein Auge auf ihn. Und wir auch.

F. war echt überrascht und erleichtert, ich glaube, das ist für uns alle der richtige Weg. Mal schauen, wie es weiter geht!

So, jetzt muss ich los!

To be continued….