meinewelt

Gedanken, Ideen, Träume, Erinnerungen einer 41-Jährigen

Eine komische Zeit

5 Kommentare

Im Augenblick liegen Freud und Leid wieder mal eng bei einander.

Eine aufregende und anstrengende Woche liegt hinter mir, es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine „bewegende“ Zeit.  Ich bin müde und erschöpft aber gleichzeitig auch aufgeregt, motiviert und neugierig, was noch so alles passieren wird.

Das Wochenende sollte definitiv ein ruhiges, entspanntes werden.

Ich habe mir für Samstag einen Friseurtermin ausgemacht, wir wollten daheim noch ein bisschen rumwurschteln, F. die Möglichkeit geben, in Ruhe sein Schulzeug zu machen um uns dann Sonntag am Nachmittag mit Freunden zum Spazierengehen und Kaffeetrinken zu treffen. Vorher wollte ich mit F. noch zum Begrüßungsfest für unsere neuen pakistanischen Mitbewohner, da waren alle Nachbarn und eben auch die Sprecher der einzelnen Helferkreise eingeladen. Und F., voller Neugier und Interesse, ist halt einfach mitgekommen.

Allerdings kommt dann manches doch irgendwie ganz anders und plötzlich scheint die Zeit stehen zu bleiben. Sonntag Früh die Nachricht: mein alter Freund A., der seit fast dreizehn Jahren zuerst gegen Leukämie und seit dem durchgängig gegen alle möglichen anderen lebensbedrohlichen Krankheiten kämpft, hat sich nun endgültig entschieden, zu sterben.

Im Januar, nach seinem x-ten Schlaganfall und einem herben Verlust seiner Lebensqualität schien es schon einmal so weit zu sein, doch damals hat er sich erneut für das Leben und für den Kampf entschieden. Obwohl er damit nicht mehr richtig sprechen, gar nicht mehr laufen, seine rechte Seite gar nicht mehr und seine linke nur noch sehr eingeschränkt bewegen konnte. Manchmal haben wir uns gefragt, wie man so sehr am Leben hängen kann, was das Leben wohl so lebenswert macht.

Jetzt aber, nach einem erneuten Schlaganfall am 18. Oktober, hat er seine Entscheidung getroffen. Er isst nicht mehr. Kein Krankenhaus mehr. Keine Ärzte mehr – außer dem Hausarzt, der ihn mit Schmerzmitteln und einem Medikament gegen die Angst versorgt. Seine Zwillingsschwester hat eine Rundmail an alle Freunde und Bekannte geschrieben, dass es nichts mehr zu klären, nichts mehr zu reden, nichts mehr zu diskutieren gäbe.

Man könne einfach vorbeikommen und sich verabschieden. Wann immer man möchte, mit Rücksicht auf ihn natürlich, auf seine Kraft.

Ich bin gestern Nachmittag mit zwei Freundinnen vorbeigefahren. Ein mulmiges Gefühl. Seine Schwester unfassbar stark. Sie, als die Person, die ihn so viele Jahre begleitet, aufopferungsvoll gepflegt, für ihn ihr eigenes Leben immer und immer wieder zurückgestellt hat. Fast ein bisschen zu aufgedreht. Aber hej, wer macht hier die Vorgaben? Hier gibt es kein richtig und kein falsch. Die Wohnung voller Menschen. Menschen, die einfach nur in der Küche sitzen und gemeinsam Kaffee trinken, reden, lachen. Menschen, die auf dem Balkon zusammen stehen, rauchen, manche weinen, andere trösten. Ein paar Kinder dazwischen. Bei A. im abgedunkelten, warmen, heimeligen Zimmer ist immer jemand bei ihm. Es ist ruhig. Man hört sein schweres, mühsames Atmen. Mit dem großen, starken Mann von einst hat er nicht mehr viel gemein. Er liegt unter einer dünnen Obelix-Bettwäsche, die er besonders liebt. Als wir reinkommen, ist gerade seine Pflegerin bei ihm, sie begrüßt uns kurz und verlässt  das Zimmer. Er erkennt uns, grinst ganz leicht, wir setzen uns zu ihm, halten seine Hand, streicheln ihn, sagen freche Sachen, so von wegen: „Man kommt ja kaum zu dir rein, weil alles voller Frauen ist!“ Das gefällt ihm, er nickt leicht. Ein Frauentyp war er schon immer.

Er schließt die Augen, es strengt ihn an, wir bleiben schweigend sitzen. Er schnauft so schwer. Wir wissen, dass er an einer Atemlähmung sterben wird. Und das vermutlich nicht heute. Und nicht morgen. Niemand weiß, wie lange sein geschundener Körper noch durchhalten wird. Aber wir wissen, dass er keine Schmerzen hat. Und keine Angst. Das ist gut. Wir reden ein bisschen miteinander, aber alles scheint so banal, so unendlich belanglos und trivial. Hier endet ein Leben. Und es ist so beschissen ungerecht. Er ist doch noch so jung. Und er hatte keine Kinder. Und so viele Schmerzen. Er durfte so viel nicht erleben, es ist ihm so viel verwehrt geblieben. Was soll der Scheiß?

Und trotzdem ist es richtig und für ihn sicher auch eine Art „Erlösung“. Kann man in so einem Fall von Erlösung sprechen? Und was kommt nach dem Tod?

Nach einer halben Stunde geht meine Freundin kurz raus. Ich bin mit ihm alleine. Ich flüstere ihm Belanglosigkeiten ins Ohr. Sage ihm, dass wir auf seine Schwester aufpassen werden. Dass alles ok ist. Und plötzlich hört er auf zu atmen. Mein Herz bleibt stehen und ich überlege fieberhaft, was ich jetzt machen soll. Schreien? An ihm rütteln? Ihn in Ruhe lassen?

Ich streichle seine Schulter und flüstere: „Mach jetzt keinen Scheiß! Das kommt überhaupt nicht in Frage, hörst Du! Komm schon, schnauf weiter!“ – und da holt er auch schon wieder Luft, schlägt die Augen auf…und ich bin erleichtert.

Seine Schwester lacht später, als ich ihr dieses Erlebnis erzähle und meint nur, dass ihr das auch schon ein paar Mal passiert sei…na, vielen Dank!

Später dann verabschieden wir uns. Was sagt man zu jemandem, den man nie wieder sehen wird? Darüber habe ich den ganzen Sonntag über schon nachgedacht? Auf Wiedersehen? Nein. Ich habe gesagt: Machs gut, mein Lieber. Ich bin sehr froh, dass ich Dich kennen darf. Es ist wirklich so in Ordnung.

Gar nichts ist in Ordnung. Wir kriegen von seiner Schwester noch die Order auf überhaupt gar keinen Fall in Schwarz zur Beerdigung zu kommen. Im Gegenteil. So bunt wie möglich.

Und dann stehen wir wieder zu dritt vor der Tür. Es ist so traurig. Und war trotzdem so warm und so richtig.

Ich bin froh, als ich zehn Minuten später in T.´s Arm sein und einen Moment lang so richtig weinen kann.

Und als nächstes meine beiden Kinder drücken. Eine Familie zu haben ist ein großes Glück. Und gesund zu sein ein noch viel größeres. Und ein bisschen Dankbarkeit und Demut tut uns allen immer wieder mal ganz gut.

He, Dicker – alles Gute für Deine nächste Reise. Es kann nur besser werden für Dich. Daran glaube ich fest. Mach´s gut!

Die Party für Dich ist ganz bestimmt schon vorbereitet! Da gibt´s ein paar Leute, die schon ganz sehnsüchtig auf Dich warten!

Und wir hier kriegen das alles schon gewuppt! Auch Deine Schwester, ganz bestimmt! Es sind wirklich viele Leute da, die sich um sie kümmern und sorgen werden, mach Dir keinen Kopf.

Good to know you and good bye my special friend!

Autor: longing for peace

I lost myself.... Und heute ist der Tag, an dem ich beginnen will, Stück für Stück mich und mein Leben zurück zu gewinnen. Und dazu will ich schreiben...

5 Kommentare zu “Eine komische Zeit

  1. Sehr bewegend geschrieben und voller Gefühl, so dass man einen winzigen Teil der Tragweite dieser „Geschichte“ zu spüren meint. Was so mancher im Leben an Last „er-tragen“ muss, kann man oft wirklich nicht verstehen. Leben – scheint manchmal so grausam. Es kostet sicher allen – ihm natürlich besonders – viel Kraft, das alles auszuhalten.

  2. Das glaub ich dass das hart fuer alle ist. Und die Aerzte lassen ihn auch in Ruhe? „Mach`s gut“, find ich, passt genau – das hab ich damals in der gleichen Situation zu meinem Onkel gesagt, indem ich tagelang ueberlegt habe was ich als letztes sagen soll. Nur das passte in meinen Augen.

  3. Ich werde für deine Geschichte nicht die richtigen Worte finden können. Es macht mich einfach nur unheimlich traurig. Aber ich glaube schon, dass man in diesem Zusammenhang von Erlösung sprechen kann, denn es ist ja sein Wunsch zu gehen. Ich finde es sehr schön, dass so viele Menschen gekommen sind, um sich von ihm zu verabschieden. Das wird es nicht nur für euch, sondern auch für ihn leichter machen zu gehen. Ich fühle mit dir.

  4. danke für die bewegenden worte, ich bin sehr berührt. mein papa ist sehr krank und ich denke gerade natürlich sehr an ihn, wenn ich sowas lese. alles gute für euren freund, und damit meine ich, er soll friedlich einschlafen.

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