meinewelt

Gedanken, Ideen, Träume, Erinnerungen einer 41-Jährigen

Erziehung ist nichts für Weicheier!

4 Kommentare

Das ist zumindest mein Fazit des gestrigen Tages. Und es steht zu befürchten, dass der heutige dem in nichts nachstehen wird…

Da hat man also einen irgendwie vorpubertären Sohn. Der bald acht Jahre alt wird. Und das ist definitiv herrlich. Er wird mit jedem Tag selbständiger – und macht damit sich selbst, aber auch mich als Mutter, ein ganzes Stück freier.

Jede dieser Freiheiten muss zwar diskutiert und laufend neu verhandelt werden, aber wie herrlich es ist, wenn er mit dem Fahrrad zu seinem Freund fährt und (in der Regel) zur vereinbarten Zeit dann auch wieder nach Hause kommt. Kein Fahrdienst für mich. Nur noch kurze Hausaufgabenkontrolle (weil er jetzt immer sehr bestrebt ist, die Hausis schon in der Mittagsbetreuung komplett und richtig zu erledigen, damit er sich dann möglichst schnell vom Acker machen kann!).
Also definitiv eine grundsätzliche Entspannung.

ABER!!!!!

Irgendwie spielen im Moment seine Hormone verrückt (schönen Gruß, liebe Ada! :D) oder ich brauche eine andere gute Erklärung für seine Kopf-, Gedanken-, Hirnlosigkeit! Ich glaube manchmal, sein Kopf folgt ihm zeitverzögert im Abstand von fünf bis zehn Metern.

Ich werde verrückt. Oder drehe durch. Oder beides.

Nur ein kurzer Abriss des gestrigen Nachmittags zum besseren Verständnis.

Ich hole ihn um halb drei von der Schule ab und was sticht mir als erstes ins Auge? Die heilige Schokomilch.
Eigentlich hatten F. und ich das Brotzeitthema ja soweit geklärt. Ich gebe ihm kein Brot, kein Obst, garnix mehr mit, nur noch eine Milch. Also zusätzlich zum normalen Trinken. Er frühstückt zuhause ordentlich, da erschien mir die „Milchlösung“ durchaus praktikabel – und ihm auch. Seine Idee, also mit guter Aussicht auf Gelingen.

Letzte Woche hatte ich einmal keine Milch und hab ihm ein Brot mitgegeben (natürlich nach Nachfrage!) – kam ungegessen zurück. Strafe auf die wir uns einigten: keine Brotzeit mehr für den Rest der Woche.
Gestern also ein neuer Versuch. Mit Milch. Hat nicht geklappt. Ich hab ihm im Auto dann mal ausgerechnet, was wir so in einem Jahr an Lebensmitteln wegschmeißen, weil er sie nicht isst. Trotz Versprechungen. Da war er wirklich schockiert, allerdings hält dieser Zustand in der Regel…sagen wir mal, so ungefähr fünf Minuten an…dem nachfolgenden Kopf sei Dank!

Zuhause wartete dann schon die nigelnagelneue Gitarre auf uns, die er mit einer riesigen Begeisterung auch ausgepackt, und B. und mich gleich mehrmals mit dem 2-tönigen Lied „Nachbar bind den Pudel an“ erfreut hat! 😉
Von diesem Moment an hat er die Gitarre dann in der ebenfalls neuen Gitarrentasche auf dem Rücken rumgetragen. Ist ja auch irgendwie süß!

Dann allerdings wollte er mir zwei Blumentöpfe, die ein bisschen weiter oben standen, aus dem Garten holen, hat die Gitarre ins Gras gelegt, sich komplett dabei nass gemacht (da war Wasser in den Töpfen), ist dann sofort zum Umziehen in sein Zimmer – und ich habe B. zwei Minuten später mitsamt der ausgepackten Gitarre in der Wiese entdeckt. Glückselig.
F. hat den Auftrag sämtliche Gitarren vor B.´s Zugriff – außer unter erziehungsberechtigter Aufsicht – zu bewahren und entsprechend zu verräumen.

Des Weiteren habe ich ihm gesagt, er solle seine Jeans gleich zum Trocknen in die Sonne legen, es sei ja nur Wasser.

Erwischt habe ich ihn schließlich eine weitere Minute später am Wäschekorb, wo er gerade die nasse und halb durchgedrehte Jeans „entsorgen“ wollte. So ein fauler Hund!
Jede Maschine Wäsche ist zu drei Vierteln von seinen Sachen gefüllt, nicht, weil er sich grundsätzlich ständig einsaut, nein, weil der gnädige Herr zu faul zum Aussortieren, Zusammenlegen und Aufräumen ist….

Also mein nächster Vortrag. Toll. Super Szene. Pädagogisch mal wieder ganz weit vorne! Ja, ich weiß!!! Er mir ganz reuig zugehört und in punkto Gitarre und Wäsche unbedingte Besserung gelobt. Quasi die dritte Besserungsversprechung in einer Stunde… Armes Kind! Arme Mutter!

Und so ist es munter weiter gegangen.
B. wollte unbedingt auch Gitarre spielen und nachdem wir gerade noch die geliehene Kindergitarre von F.´s Lehrer da haben, durfte er unter meiner Aufsicht ein bisschen klimpern. Allerdings ist mir da gleich der Sprung aufgefallen. Zwar scheinbar nur im Lack der Gitarre aber meiner Ansicht nach war der beim Ausleihen noch nicht da. Das auch noch.
Und der nächste Vortrag… Du musst besser aufpassen. Die gehört uns nicht…blablabla…

F. ist dann abgerauscht zum Schaukeln. Das ist für ihn wie Therapie. Nachdenken, ausrauchen, Dampf ablassen…

Und dann nach fünf Minuten: Auftritt F.: „Also Mama, die Lösung für unsere Probleme liegt ja auf der Hand. Aber eben nur auf der einen Hand. Jetzt müssen wir das ausgleichen und noch eine Lösung für die andere Hand finden. Ich muss besser aufpassen/mehr mitdenken/meine Wäsche sortieren/zuhören/mitdenken. Aber wie kriegen wir denn jetzt die Wut zwischen uns weg? Wie können wir uns jetzt wieder vertragen??“

Wie kann ein einzelnes Kind so empathisch, so emotional klug und herzzerreißend offen sein?? Und in anderen Bereichen des Lebens so dermaßen daneben???
Ich liebe ihn und finde, er ist das tollste und gescheiteste Kind der Welt. Aber er macht mich echt fertig. Bringt mich an meine ganz persönliche Belastungsgrenze. Und das innerhalb weniger Stunden (alternativ auch Minuten).

Und dann nehme ich ihn in den Arm, tröste ihn und mich – und weiß doch ganz genau, dass in fünf Minuten das nächste Desaster um die Ecke kommen kann.

Und ich fühle mich so müde und hilflos und kraftlos. Und ratlos. Was kann ich nur tun? Einfach nur aushalten? Bestrafen? Und das, wo ich Strafen eigentlich für das dümmste und armseligste Erziehungsmittel halte?

Es ist ja nicht so, als hätte ich nicht noch ein zweites, forderndes und anspruchsvolles (und das natürlich auch zurecht) Kind.

Kinder erziehen, sie tagtäglich um sich zu haben, sie immer (auch in Ausnahmesituationen) zu lieben, ihnen zuzuhören, ein gutes und sicheres Zuhause zu geben, sie mit ihren Nöten, Sorgen, Geschichten, Temperamenten, Gefühlen ernst zu nehmen, sich (eigentlich fast immer) um sie zu sorgen – das alles ist tatsächlich die größte Herausforderung des Lebens. Eine echte Grenzerfahrung….

Autor: longing for peace

I lost myself.... Und heute ist der Tag, an dem ich beginnen will, Stück für Stück mich und mein Leben zurück zu gewinnen. Und dazu will ich schreiben...

4 Kommentare zu “Erziehung ist nichts für Weicheier!

  1. Da geb ich Dir sowas von Recht!

    Als erstes: Bei Deinen ersten Zeilen schon hab ich gegrinst.

    Zum einen, weil Du einen unnachahmlichen Schreibstil hast, den ich so sehr gern lese.
    Zum zweiten, weil ich weiß, dass gleich etwas kommt, das ich so auch kenne und mich zur Verzweiflung treibt und ich bin froh, damit nicht allein zu sein.
    Zum dritten, weil ich weiß, dass Du trotz all der fehlenden Energie doch weiter und weiter und weiter gehst und allen Phasen trotzt und dies hier wie Kino ist, mit der sicheren Gewissheit, dass am Ende alles gut wird.

    Jetzt zu den Fehlern:

    Die Schulmilch.

    Ja, Scheiß, um es klar auf Deutsch zu sagen.

    Eine Frage: Ist sie zwischen dem Losgehen und dem Abholen von der Schule schlecht geworden?

    Wenn ja: versuch, ihm kleinere Fläschchen zu geben.

    Wenn nein – jetzt kommt die große Dampfkeule: Was spricht dagegen, ihm zu sagen „hmm… hattest wohl heute keine Zeit zum Trinken? Mach es gleich, wenn wir zu Hause sind. Ich trink n Käffchen, du deine Milch, ok?“

    Was meinst Du, wie oft und wie grimassenschneidend ich schon über das Thema „Wegschmeißen von Lebensmitteln“ mit meinen Gören gesprochen, wahlweise auch gemeckert, geschrien, geheult habe? Was nützt es? Nix! Außer, dass die Kids anfangen, das Brot zu verstecken – und dann ist es auch weggeschmissen.

    Ich weiß, dass es eine der schwersten Übungen ist, sich nicht aufzuregen.

    Doch sieh mal: Der Zeitpunkt, zu dem er die Milch hätte austrinken und Dich/ euch/ ihn hätte glücklich machen können, ist doch eh schon vorbei.

    Es IST einfach so: Die Milch ist nicht ausgetrunken. Jetzt kannste meckern/ traurig sein, oder von hier aus weitergehen.

    Gitarre…

    Oh ja…

    Kenn ich auch…

    Ätzend.

    Dabei wollte er Dir doch bloß die Töpfe runterholen, Dir also helfen. Dass DirHelfen war wichtiger als alles, auf was er sonst noch alles zu achten hat.

    Und die Hose…

    Er hätte sie auch einfach auf dem Boden liegenlassen können. Hat er aber nicht. Er hat Dir nur einfach nicht glauben können, dass die Sonne die Hose trocknet. Also packt er sie in die Wäsche, damit Du nicht schimpfst.

    Ich weiß, dass Du das alles auch weißt.

    Sieh Dir Deinen Großen an und mach Dir klar, dass er erst 8 von 18 Jahren bei Dir ist. Noch bist Du sein Kopf und seine Augen und seine Ohren und Hände und Füße.

    Ich weiß ja selbst, dass es schwer ist, nicht wütend oder enttäuscht zu werden, wenn man wieder und wieder und wieder den selben Mist sagen muss.

    Doch was ist einfacher?

    Vorher zu sagen „geh eben noch Zähne putzen“?
    Oder nachher zu schimpfen „Du weißt doch genau, dass du nach dem Essen Zähne putzen sollst!“?

    Glaub mir: Mit stoischer Ruhe denselben Kram zu wiederholen, bringt einfach mehr.

    Am Anfang hab ich jeden Tag mit meinem Großkind gemeckert, wenn/ weil es die Kackatüten vergessen hatte, wenn es mit dem Wuff raus ging. Dann hab ich jeden Tag, wenn sie rausging, einfach gesagt „nimm die Tüten mit“. Jeden Tag. Einfach automatisch. Heute sagt sie zu mir „Mama! Du musst mir das nicht jedes Mal sagen, ich hab sie dabei!!!!“

    *grins* Und wenn ich es dann 5 Mal nicht gesagt habe und dann wieder mal einen reinwerfe, sagt sie „oh, ja, danke“…

    Ich muss lachen 😀

    Ja.

    Sie treiben einen an den Rand des Machbaren.

    Aber nicht, um uns zu ärgern.

    Sondern, damit wir vorankommen. Damit wir lernen. Kinder sind unser klarster Spiegel, unverfälscht, und voller Liebe.

    Du hast einen wundervollen großen und einen ebenso wundervollen kleinen Sohn.

    Das hast Du deshalb, weil Du die wundervollste Mutter bist, die Du sein kannst und Dein Mann ihnen der beste Vater ist, der er sein kann.

    *knutscher*

    • Liebe AusderAsche,
      dein Kommentar ist so rührend. Ich musste glatt ein Tränchen verdrücken.

      • Und mir klopft das Herz wie blöd, weil ich schon wieder solche Worte gesagt habe *rotwerd*

      • Weißt Du, mir wird nach dem Schreiben solcher Texte immer wieder bewusst, wie gut mir das tut. Und dass es meistens schon während des Schreibens gar nicht mehr so schlimm ist. Das ist wie eine kleine Therapie. Eine „Reflektions-Therapie“… 😉

        Du hast völlig recht, unsere Kinder sind eine „Lebensaufgabe“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Und die gilt es zu erfüllen. Und wahrscheinlich hat da jede Mutter und jeder Vater eine andere „Baustelle“. Und meine ist halt womöglich, dass ich gelassener, entspannter, cooler werden muss. (Als ob das was Neues wäre, hahahahaha…)

        Einzig und allein der Moment (oder die Stunden…stöhn…) in dem so eine „Anhäufung“ passiert – der bringt mich echt an den Rand der Verzweiflung. An den Rand meiner Kraft. Und manchmal auch ein bisschen darüber hinaus…

        Und dafür fehlt mir die Strategie. Gut, in der Theorie hab ich sie vielleicht sogar schon. Aus der Situation rausgehen, bis zehn zählen, atmen, einen Schnaps trinken (alternativ geht auch Kaffee), in ein Kissen beißen, weinen oder schreien…
        nur für die Praxis, da taugt das alles irgendwie nicht.

        Da bin ich so „hirnlos“, da bin ich einfach nur die Frau die reagiert (was sowieso blöd ist, weil ich viel lieber der bin, der agiert! ;-)) und zwar ohne Verstand. Pures Gefühl. Einfach überfordert, wütend, planlos.
        Zum Glück vergeht das auch ziemlich schnell wieder und dann bin ich in der Lage einen Schritt zurück zu treten, auf das angerichtete Debakel zu blicken – und mich auch zu entschuldigen.

        Aber Du weißt ja, ich habe immer Schiss vor den, wenn auch kleinen, Verletzungen, die jeder nach so einer Auseinandersetzung davon trägt, die vernarben und doch immer ein kleines bisschen spürbar bleiben… Ich will nicht, dass F. „vernarbt“ ist, es ist doch seine Kindheit. Und die soll möglichst frei, glücklich und unbeschwert sein, oder?

        Einzig die Vorstellung, dass ich noch weitere 10 Jahre (und bist Du Dir sicher, dass das nicht womöglich noch länger dauert?) bei F. und noch 15 (!!!) Jahre bei B. Kopf, Hand, Fuß, Augen und Ohren sein soll, jagt mir ein kaltes Grausen über den Rücken….

        Wie immer bin ich sehr dankbar für Deine Worte und drücke Dich lächelnd aus der Ferne!

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