meinewelt

Gedanken, Ideen, Träume, Erinnerungen einer 41-Jährigen

Jammern auf hohem Niveau – oder „Schuster bleib bei deinen Leisten“

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In diesen Tagen quält mich eine innere Unruhe – nein, sogar eine Wut.

Ich bin wütend auf Meinesgleichen. Auf all die Menschen da draußen, in meinem Alter. Durchschnittlich bis gut gebildet, durchschnittlich bis gut verdienend. Und in einer Tour am Jammern.

Ja, verdammt, ich könnte auch mehr Geld gebrauchen. Nicht, um es sinnlos zu verprassen, nein für ganz hehre Dinge, die bislang zu kurz kommen: Investitionen in meine Altersversorgung, die sooo rosig nicht sein wird, etwas zur Seite legen für die Kinder (Führerschein, Auslandssemester, Hochzeit… ), Wohneigentum wäre schön, scheitert aber letztlich immer an der Spalte „Eigenkapital“ des Kreditantrages… natürlich KÖNNTE ich mehr Geld gebrauchen, könnte es ausgeben.

Aber letztlich haben wir, als vierköpfige Familie genug. Immer gerade irgendwie genug, aber doch so viel, dass wir auch am Ende des Monats noch einen gefüllten Kühlschrank haben, noch zum Tanken gehen können (mit unseren beiden (!) Autos) – wenn auch nur für 30 Euro. Wir können keine wirklich großen Sprünge machen, Anschaffungen über 200 Euro wollen wohl überlegt und geplant sein, der (unglaublich hohe!) Musikschulbeitrag lässt uns kurz den Atem stocken und hoffentlich wachsen die Füße der Jungs nicht so schnell – alle paar Wochen neue Schuhe sind eigentlich nicht drin.
Aber letztlich gibt es nichts zu meckern. Wir haben eine schöne Wohnung, einen kleinen Garten, sind gut eingerichtet, haben einen kleinen Fernseher im Schlafzimmer, zwei Laptops und eben besagte zwei Autos (die man hier draußen auf dem Land auch dringend braucht – Rechtfertigung A). Wir können unseren Kindern ein Eis kaufen und hin und wieder Panini-Fußallbilder, wir zahlen unsere Rechnungen (meistens) pünktlich und können auch mal zum Essen gehen. Wir fahren zweimal im Jahr in den Urlaub, sind aber auch nicht bereit, für den Zweijährigen schon voll zu bezahlen.

Wir leben also durchschnittlich. Auch wenn für meinen Mann das Wort „Durchschnitt“ auf seiner Liste der „100 schrecklichsten Wörter“ ganz sicher auf Platz zwei (gleich nach „Schaahatz“) steht.
Wir sind kranken-, haftpflicht-, hausrat-. und riesterversichert, haben ein stabiles soziales Umfeld, einen (guten) Krippenplatz für unseren Jüngsten (alles andere als selbstverständlich, ich weiß) und die Grundschule für den Großen um die Ecke.

Also warum sollten wir jammern?
Für mich nachvollziehbar: das Jammern über das Wetter. Ich hasse schlechtes Wetter. Ich hasse Regen. Ich hasse Winter und Dunkelheit. Wetterjammern? Ok. 🙂

Ich habe das Gefühl, meine Generation ist satt. Nein, übersättigt. Wir kennen keinen Krieg, keine Not, keine Armut. Und damit meine ich ganz sicher nicht die Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen, arbeitslos, alleinerziehend, krank, arm, was auch immer.
Nein, ich meine die ganz „Normalen“.

Die, die in ihren schniecke eingerichteten Wohnzimmern sitzen und die Schuld immer und immer bei anderen suchen.
Schuld an der hohen Arbeitslosigkeit? Die Ausländer. Die nehmen uns schließlich die Arbeitsplätze weg. Klar, oder?
Schuld an der Wirtschaftskrise? Wahlweise die Griechen, Spanier oder Iren, die uns eu-mäßig mit runterziehen.
Finanzkrise? Die bösen Bänker, Finanzberater, Super-Reichen oder natürlich Frau Merkel – der Super-Joker. Passt eigentlich immer.
Krieg in Syrien? Irgendwelche Scheiß-Aufständische, gehören eh alle hingerichtet.
Es gibt nicht genug Kindergartenplätze? Das muss bestimmt der Seehofer mit seiner frauen-/familienfeindlichen CSU sein.

Weitere beliebte Jammer-und-Mecker-Themen: Fracking, Freihandelsabkommen, Maut, gequälte Tiere oder Kinder. Ganz zu schweigen von den gemeindlichen Themen: blöder Bürgermeister, handlungsunfähiger Gemeinderat, affige Nachbarn, unfreundliche Bäckereifachverkäuferin.

Nur dass kein falscher Eindruck entsteht: ich bin auch gegen unglaublich vieles. Und ärgere mich Tag für Tag. Kann kaum ertragen, wenn ich aus der Presse oder den Nachrichten erfahre, wie unwürdig Massentierhaltung ist oder wie viele Kinder allein in Deutschland unter der Armutsgrenze leben. Auch ich habe eine eindeutige Meinung zur Familienpolitik unserer Regierung und kann Fracking aber so gar nichts abgewinnen. Ich finde kriegerische Auseinandersetzungen grundsätzlich schrecklich und falsch und bin der festen Überzeugung, dass Bildung der Schlüssel zu Frieden und Eintracht ist.

Woher kommt dann also meine Wut? Sie richtet sich gegen all die Maul-Aufreißer, die ganz bequem von zuhause aus eine dicke Lippe riskieren. Motzen, lamentieren, jammern, schimpfen und meckern.
Die aber a) selbst nie ihren Hintern hochbekommen und aktiv etwas bewegen
oder b) noch nicht einmal Ideen oder Ansätze haben, wie es besser gehen könnte. Was getan werden müsste. Und ich meine jetzt keine Stammtischparolen, sondern vernünftige, interessante, wohl durchdachte Vorschläge.

Nein, unser Verhalten ist einfach nur destruktiv. Und passiv-aggressiv. Was zählt schon der einzelne? Was kann ich schon bewegen. Sollen sich doch die anderen drum kümmern. Ich hab gerade so wahnsinnig viel um die Ohren, da passt das jetzt ganz schlecht. Und überhaupt…

Wobei auch das natürlich nur in Teilen stimmt. Es gibt sie, die Idealisten. Die Weltverbesserer. Die für ihre Meinung einstehen. Sich engagieren.
Auch diese lassen sich für mich persönlich in zwei Gruppierungen einteilen.

Die einen sind wirklich engagiert. Gründen Bürgerinitiativen, betreiben aktive Nachbarschaftshilfe, begleiten in ihrer Freizeit Jugendliche als Mentoren auf ihrem Berufsfindungsweg, stellen ihre Tatkraft zur Verfügung, wenn ihre Hilfe gebraucht wird, sammeln Altkleider, Spenden, Lebensmittel, organisieren Basare, Feste, Informationsveranstaltungen. Solche Menschen gibt es wirklich. Sie sind mitten unter uns. Auch, wenn sie vielleicht nicht immer das Licht der Öffentlichkeit suchen, sich nicht in den Vordergrund schieben.

Die anderen engagieren sich beispielsweise auf Mahnwachen, Demonstrationen und Kundgebungen.

Gerade in den letzten Wochen habe ich ein Gespräch mit einer Freundin geführt, die die aktuellen Montagsmahnwachen im Ruhrgebiet mit inszeniert hat, mit leitet und selbst Woche für Woche dort spricht. Eigentlich eine gute Sache.

Viele von uns haben noch lebhaft die Montagsdemos in der ehemaligen DDR vor Augen. Zuerst hunderte, später tausende von Menschen, die sich Woche für Woche friedlich für Freiheit eingesetzt haben. Mit einem unglaublichen Erfolg. Die Masse der Menschen hat dazu beigetragen, Mauern (zum Teil auch die in den Köpfen einiger Bornierter) zum Einstürzen zu bringen.

An diese Kraft und Macht der Masse anzuknüpfen finde ich prinzipiell eine gute Idee.
Gefragt, wie denn das Thema der Mahnwache sei, wofür sie sich denn nun genau einsetzen würden, musste meine Freundin einen Moment überlegen. Na, für Frieden halt. Auf der ganzen Welt. Und gegen die Vorkommnisse in der Ukraine. Und gegen Fracking seien sie. Und eben gegen das Freihandelsabkommen. Und gegen die Einschränkung der Pressefreiheit. Aha.
Alleine bei der Definition des Wortes „Frieden“ kamen wir dann bereits an unsere Grenzen. Frieden ist ein so subjektives Wort. Jeder versteht etwas anderes darunter. Der eine hat gerne Frieden in seiner Umgebung, seiner Familie, seiner Nachbarschaft. Ein anderer findet die Vorkommnisse in Syrien, Afrika, dem Irak, der Ukraine…unerträglich und unhaltbar. Der eine ist für den Einsatz deutscher Truppen im Ausland zur Sicherung des Friedens. Der andere findet es, unserer Geschichte geschuldet, moralisch verwerflich und abstoßend.

Ich habe meine Freundin gefragt, was mich denn als „Normalo“ nun dazu bewegen sollte, Montag für Montag mit mehr oder weniger vielen anderen Leuten („Gleichgesinnte“ wäre ja letztlich schon irgendwie übertrieben, oder?) eine Mahnwache abzuhalten. Wo ich mich in diesem Themen-Wust doch gar nicht wirklich wiederfinden würde. Oder vielleicht nur in einem kleinen Teilbereich.
Wo Menschen zu Themen sprechen – und hier schließt sich für mich der Kreis – in dem sie jammern, lamentieren, schimpfen, motzen, beschuldigen…
Keinerlei konstruktive Ideen oder Vorschläge.
Eigentlich ist das auch nicht anders, ob ich Montags auf einem der Plätze Deutschlands stehe oder in meinem Wohnzimmer auf meiner Ikea-Couch lümmle.

Verdammt, was ist also die Lösung? Und warum bin ich immer noch so wütend?

Mein Lösungsvorschlag ist eine Spezialisierung. Klar, wie oben schon erwähnt, eine Meinung habe ich zu ganz vielen verschiedenen Themen. Allerdings ist sie in den allerwenigsten Bereichen wirklich fundiert. Ich bin kein Spezialist. Ich beziehe, wie so viele, mein Halbwissen aus den Medien, dem Internet, aus Gesprächen.
Wie kann ich mir anmaßen, gegen die Rebellen im Syrien-Krieg zu wettern, von unserer Regierung ein schnelles Eingreifen verlangen (natürlich auch nur vom Sofa aus…), obwohl ich in Wirklichkeit nicht mehr als ein paar einfache und einseitige Zusammenhänge kenne?
Würde ich aber nun auf einen Spezialisten zu einem Thema treffen, müsste ich meine Meinung womöglich anpassen oder gar revidieren.

Bin ich ein Spezialist? Ja, bei familienpolitischen Themen, den Problemen berufstätiger Frauen, Eltern in der heutigen Zeit, engagierten Vätern, Kinderbetreuung und Bildung (aus professioneller und betroffener Sicht).
Und so könnte doch jeder in seinem Bereich ein Spezialist sein.
Der Finanzberater kann sich für oder gegen die Geldmarktpolitik einsetzen.
Der Jugendamtsmitarbeiter gegen Kindesmißbrauch seine Stimme erheben.
Die unfreundliche Bäckereifachverkäuferin könnte für bessere Arbeitsbedingungen für Ihresgleichen kämpfen.

Und so könnte jeder die Energie, die er ins tägliche Lamentieren, Jammern und Motzen steckt, für ein echtes, glaubwürdiges Engagement verwenden. Und versuchen, in seinem Bereich, die Welt ein bisschen besser zu machen.

Eine idealistische, vielleicht sogar naive Idee, ich weiß. Aber eigentlich gar nicht so abwegig, oder?

Autor: longing for peace

I lost myself.... Und heute ist der Tag, an dem ich beginnen will, Stück für Stück mich und mein Leben zurück zu gewinnen. Und dazu will ich schreiben...

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